Thomas Meyer-Falk hat mit uns seine Gedanken zu Solidarität und Knast geteilt:
(Gefängnis)Mauern schützen keine Menschen, sie schützen die Verhältnisse!
Ich habe fast 27 Jahre meines Lebens im Gefängnis verbracht. Elf Jahre davon in Isolationshaft. Drei Jahre lebe ich nun wieder in Freiheit. So habe ich spüren gelernt, dass Gefängnisse nicht nur Gebäude aus Beton und Stahl sind. Sie sind immer auch Ausdruck einer Gesellschaft, die auf Ausgrenzung setzt, es vor allem die Marginalisierten der Gesellschaft trifft, die dann im Knast anstranden.
In der Schule, in den etablierten Medien, wie auch am Stammtisch (heute sind das die Sozialen Medien) wird erzählt, die Gefängnisse dienten der Sicherheit. Tatsächlich verwalten sie jedoch das Scheitern dieser Gesellschaft. Sie verwalten und bestrafen Armut.
Das habe ich in den Gefängnisjahren hautnah erlebt: fast ausschließlich begegnete ich Menschen aus prekären Lebensverhältnissen, oftmals noch mit migrantischem Hintergrund. Der zweite wichtige Faktor, der Menschen ins Visier der Justiz geraten lässt.
Das sehe ich auch in meinem Alltag nach meiner Entlassung, denn immer wieder sitze ich in Gerichtsverhandlungen um im Anschluss darüber zu berichten: fast immer werden Menschen angeklagt und verurteilt, die in Armut zu leben gezwungen sind. Vielfach haben sie einen migrantischen Hintergrund.
Eine Gesellschaft, die Milliarden für Militär, Polizei, Knäste und Abschiebungen ausgibt, aber bei Bildung, Gesundheit und sozialer Teilhabe spart, produziert deshalb genau jene Verhältnisse, die sie anschließend mit dem Strafrecht sanktioniert.
Es sind die anarchistischen Gefangenen, die daran erinnern, dass Repression immer auch politisch ist. Wer Herrschaft grundsätzlich infrage stellt, bekommt die Macht des Staates in besonders nachdrücklicher Weise zu spüren.
Um so wichtiger ist praktizierte Solidarität: Postkarten und Briefe sind ein erster Anfang. Sie vermitteln Gefangenen, dass an sie gedacht wird, sie nicht vergessen sind. Mir haben die vielen Zuschriften sowie der gedankliche Austausch per Brief, auch wenn er von der Haftanstalt streng überwacht wurde, geholfen zu überleben. In manchen Fällen sind sogar Freundschaften daraus erwachsen, die noch heute fortbestehen.
Die Internationale Woche der Solidarität erinnert daran, dass wir gemeinsam die Freiheit verteidigen. Für und mit den Menschen hinter Gittern. Es ist unsere Solidarität, welche die Isolation durchbricht.
Deshalb ist die Internationale Woche der Solidarität mit anarchistischen Gefangenen auch viel mehr als eine Geste gegenüber Einzelnen. Sie ist eine Erinnerung daran, dass Freiheit unteilbar ist. Dass Mauern nicht nur Gefängnisse umgeben. Ich habe nach fast drei Jahrzehnten in Haft erlebt, wie sehr, die äußeren Mauern in mich eingedrungen sind, seelisch wie körperlich. Sich anschließend hiervon zu befreien, das ist ein langwierige Prozess- doch gelingt dieser in einem solidarischen Umfeld eher, als in der Kälte der Einsamkeit.
Die Mauern werden nicht morgen und auch nicht übermorgen verschwunden sein, vermutlich wird es die Internationale Woche der Solidarität noch viele Jahre geben.
Manchen Menschen mag es wenig erscheinen was solch eine Soliwoche bewegt. Aber ohne dieses Wenige bleibt alles, wie es ist.
